Grundanschauung der Antike

In Adv. Marcionem I,14,2 findet sich eine Aussage über die gesamten Strukturen der antiken Betrachtungsweise und ihrer Grundanschauung, die hier noch einmal dargestellt ist. Der komplette 2.Abschnitt im 14.Kapitel des 1.Buches lautet wie folgt:
Adv. Marcionem I,14,2:
Qualia erunt maiora, cum tam modicis aut iuvaris aut laederis, ut nec in modicis despicias creatorem?
Postremo te tibi circumfer, intus ac foris considera hominem:
placebit tibi vel hoc opus dei nostri, quod tuus dominus, ille deus melior, adamavit,
propter quem in haec paupertina elementa de tertio caelo descendere laboravit,
cuius causa in hac cellula creatoris etiam crucifixus est?
Für uns interessant ist der zweite Satz im 2.Abschnitt, den ich mit 2b bezeichne, weil dort die Begriffe intus (innen) und foris (außen) Anwendung finden. Die einleitenden Worte des 2.Satzes Postremo te tibi circumfer werde ich wegen besserer Übersichtlichkeit und des Doppelpunktes, der sich vorwiegend auf den 2.Satzteil intus ac foris considera hominem bezieht, weglassen, so dass sich folgernder Satz ergibt:
Adv. Marcionem I,14,2b:
intus ac foris considera hominem:
placebit tibi vel hoc opus dei nostri, quod tuus dominus, ille deus melior, adamavit,
propter quem in haec paupertina elementa de tertio caelo descendere laboravit,
cuius causa in hac cellula creatoris etiam crucifixus est?
In der Rubrik Bios Markions erfolgt der Nachweis, dass die fünf Bücher Adversus Marcionem nicht von Tertullian stammen, sondern von einem Markioniten, der diesem Kompendium die Überschrift Adversus haereses omnes gegeben hat. Ein katholischer (kath) Überarbeiter hat dann lediglich ich und du, oder meiner und deiner, etc. vertauscht, wenn es ihm opportun erschien. Der Satz lautet daher in der markionitischen (mkn) Fassung:
Adversus haereses omnes I,14,2b:
intus ac foris considero hominem:
placebit mihi vel hoc opus dei nostri, quod meus dominus, ille deus melior, adamavit,
propter quem in haec paupertina elementa de tertio caelo descendere laboravit,
cuius causa in hac cellula creatoris etiam crucifixus est?
Der kath Überarbeiter machte aus der 1.Person Singular des Verbs considero den Imperativ considera (wie auch vorher die 2.Person der Verben laederis, conspicias und cirumfer auf das Konto dieses Überarbeiters gehen). Das gleiche gilt für die weiteren Personal- und Possessivpronomina bis auf die eine Ausnahme des nostri. Die Betonungsstruktur des ersten Satzteiles der 1.LA für Exoteriker (Exos-LA) mitsamt der Übersetzung ergibt folgende Aussage:
Adversus haereses omnes I,14,2b-I: (Exos-LA)
<intus | ac foris> <considero hominem: | placebit> <mihi vel | hoc opus> <dei nostri,
<quod | meus dominus>, ille deus melior>, <adamavit,
<innen/(Innenwelt: bez Verb) | andererseits auch/(und auch) außen/(Außenwelt: bez Verb)> <überlege/(betrachte) ich/(Markionit) den Menschen/(freundlicher Mensch): | es wird/(präsentisch) gefallen> <mir/(Markionit) sogar/(wohl/sicherlich: bez mir) | dieses/(hinweisend) Werk/(Ergebnis: mkn Gnosis)> <des Gottes unseres eigenen/(der Markioniten),
<das/(Rel-Pron: bez Werk) | mein eigener Herr>, jener/(hinweisend und wiederholend) Gott besserer/(besser als der Schöpfer)>, <zu-geliebt/(liebgewonnen) hat,
Der erste Satzteil bietet Einblicke in diese Grundanschauungssicht, die mitsamt der Auslegung des bösen und guten Menschen des AT in Lk 6,43-45 in der Rubrik Einführung erörtert wurde, und diese Exegese voraussetzt; und der zweite Satzteil nach dem Doppelpunkt äußert das Ergebnis (opus), das nur den Markioniten und ihrem Gott eigen ist und in der Rubrik Markionitismus näher erläutert wird. Der Markionit und Verfasser dieses fünfbändigen Werkes betrachtet innen und außen den guten und freundlichen Menschen des AT auf der gegenüberliegenden Seite, so dass er sein äußeres Erscheinungsbild begutachtet und zugleich auch in ihn, in seine geistig-leiblichen Verhältnisse, hineinschaut. Das foris entspricht damit der Bezeichnung Außenwelt und das intus dem Ausdruck Innenwelt in der Grundanschauung.
Der Markionit und Esoteriker wie auch die Markioniten als Exoteriker, die nur diese Lesart (Exos-LA) vollziehen und alle anderen Lesarten nicht reflektieren, erkennen aufgrund von Gnosis und Distanz dieses gute Verhalten des ATlichen Menschen, was ein Werk ihres eigenen Gottes ist. Dieses Werk und Ergebnis ihres Gottes, also das Erkennen des guten Menschen des AT, hat jener mkn Gott, der besser ist als der Schöpfer, liebgewonnen, was nicht für die Markioniten und schon gar nicht für den Markionit zutrifft, auch wenn ihm dieses Werk gefällt. Denn dieser wird in der 2. und 3.LA dem freundlichen Menschen einen konträren Menschen entgegenstellen, der das Böse/NT vertritt, während er in der 1.LA der Esoteriker (Esos-LA) ebenfalls den guten Menschen überlegt und auch erwägt.
Adversus haereses omnes I,14,2b-I: (Esos-LA)
<intus | ac foris> <considero hominem: | placebit> <mihi vel | hoc opus> <dei nostri,
<quod | meus dominus>, ille deus melior>, <adamavit,
<innen/(Innenwelt: wo die Handlung stattfindet) | andererseits auch/(und auch) außen/(Außenwelt: wo die Handlung stattfindet)> <überlege/(erwäge) ich/(Markionit: Gut/AT-Böse/NT) den Menschen/(freundlicher Mensch: äußerlich): | es wird/(präsentisch) gefallen> <mir/(Markionit) sogar/(wohl/sicherlich: bez mir) | dieses/(lokal abgegrenzt und vereinzelt) Werk/(das sichtbare Auftreten des freundlichen Menschen: außen)> <des Gottes/(Genitivus possesssoris) unseres eigenen/(äußerlich und äußerlich),
<das/(Rel-Pron: bez Werk) | mein eigener Herr/(der mkn Gott als Herr: äußerlich)>, jener/(lokal entfernt: außen) Gott besserer/(außen besser als äußerlich, weil das Böse/NT nicht vorliegt)>, <zu/(hinzu: als Obj zum Erscheinungsbild des Markioniten hinzu) geliebt hat,
Während der Markionit (und auch die Markioniten) in der Exos-LA den freundlichen und guten Menschen des AT außen und innen betrachtet und erkennt, überlegt und erwägt er in der Esos-LA bei sich selbst diesen Menschen außen und innen. Das bedeutet, dass der Markionit dem guten Menschen des AT, der auf der gegenüberliegenden Seite außen sich befindet, bei sich selbst den Menschen äußerlich entgegenbringt, der ebenfalls das Gute/AT vertritt. Somit stehen sich insgesamt das Gute/AT des Menschen außen und äußerlich gegenüber. Er antwortet auf das Erscheinungsbild des ATlichen Menschen außen mit der gleichen Position und Haltung eines guten und freundlichen Menschen, den er äußerlich bei sich auch innen, also gemäß der Grundanschauung im geistigen und leiblichen Bereich, überlegt und auch einnimmt.
Der Doppelpunkt ist jetzt nicht wie in der Exos-LA eine Gleichsetzung und Aufzählung, sondern entspricht einer Folge, die sich aus dem mkn Verhalten ergibt. In der Esos-LA, die im Gegensatz zur Exos-LA den Schwerpunkt auf die Form legt, bezeichnet das hoc (dieses) den lokal abgegrenzten Bereich und die Vereinzelung des ATlichen guten Menschen, wie das auch im Baumgleichnis Lk 6,43-45 deutlich wurde. Das opus als dieses Werk ist das Erscheinungsbild des guten Menschen außen, das der Schöpfer des AT gestaltet, geschaffen und schöpferisch ins Werk gesetzt hat. Dieses Werk hat der mkn Gott aufgrund des Verhaltens des Markioniten im ersten Satzteil in Besitz genommen (Genitivus possessoris aufgrund Betonungsstruktur), der sowohl äußerlich beim Markioniten als Herr (meus deus) als auch lokal entfernt außen beim guten Menschen als jener Gott besserer (ille deus melior) in Erscheinung tritt und sich offenbart. Folglich ist in der Esos-LA das meus dominus und das ille deus melior keine Gleichsetzung wie in der Exos-LA, sondern eine Aufzählung, und entspricht dem nostri, wodurch die unterschiedlichen Eigenschaften des gleichen Gottes zur Geltung kommen. Als Herr auf mkn Seite bestimmt er über das Erscheinungsbild des äußeren Menschen, der in die Gewalt dieses Gottes kommt und dadurch sein ATlich gutes Verhalten nicht mehr in dem Maßen ausüben kann wie er es gewohnt ist und wie es vorher der Markionit und auch die Markioniten erkannt haben.
Denn der Markionit hat dem äußeren guten Menschen nicht nur das Gute/AT bei sich dargebracht, sondern auch das Böse/NT entgegengestellt, das der konträre Mensch an den Tag legt, den der Markionit in der 2.LA im geistigen und in der 3.LA im leiblichen neben den guten Menschen auch überlegt und erwogen hat. Dieses geistige und leibliche Aufnahme des bösen und konträren Menschen wirkt sich auch auf das körperliche Erscheinungsbild des Markioniten aus, weshalb ich das Subjekt von considero mit Gut/AT-Böse/NT in der Klammer näher beschrieben habe. Es ist ein zweischneidiges und zwiespältiges Auftreten dieses Markioniten, auf den der gute Mensch außen nicht so recht weiß, wie er reagieren soll, weshalb er in die Machtsphäre des mkn Gottes gelangt, obwohl er selbst nicht das Böse/NT erwägt und zur Schau stellt. Das ist auch der Grund dafür, das bei ihm als rein ATlicher Mensch derselbe Gott aufgrund des guten ATlichen Inhaltes besser in Erscheinung tritt und besser sich vorgestellt werden kann als beim Markioniten, während das zusätzliche Böse/NT beim Markioniten den Gott als Herr auftreten lässt und für seine Unabhängigkeit von außen verantwortlich ist. Nimmt man die Exos- und Esos-LA zusammen, dann erfährt der Markionit die eigene Liebe und die Liebe von außen wechselseitig, die aber nur seinem Gott gehört.
Adversus haereses omnes I,14,2b-II:
intus> <ac foris | considero hominem>: <placebit | mihi vel> <hoc opus | dei nostri>,
quod> <meus dominus |, <ille deus melior, | adamavit>,
innen/(innere geistige obere Sphäre: bez Verb)> <andererseits/(auf anderer Seite) auch/(bez andererseits) außen/(äußere geistige untere Sphäre: bez den Menschen) | ich/(Markionit: Böse/NT oben) überlege/(erwäge) den (!) Menschen/(konträrer Mensch: Böse/NT unten)>: <es wird/(futurisch) gefallen | mir/(Markionit: Gut/AT-Böse/NT) sogar/(sicherlich: bez Verb)> <dieses/(lokal abgegrenzt) Werk/(Bauwerk aus Gut/AT und Böse/NT) | des Gottes/(mkn Gott: zugehörig zum Werk) unseres eigenen/(des Markioniten und des äußeren guten Menschen)>,
weil> <mein eigener Herr/(der Schöpfer als Herr) |, <jener/(lokal entfernt: im dritten Himmel) Gott/(mkn Gott) besserer/(besser als der Schöpfer bzw. Herr), | zu/(hinzu: als Sbj zu jenem Gott hinzu! Obj=der äußere gute Mensch!) geliebt hat>,
In der umgekehrten Betonungsstruktur der 2.LA - an der Schrift der Außenwelt, die das äußere Ereignis repräsentiert, spiegelt sich die Schrift der geistigen Innenwelt - werden ausschließlich die geistigen Verhältnisse geschildert. Der Ausdruck intus entspricht hier der inneren oberen Sphäre und bezieht sich (bez) auf das Verb considero, während das foris aufgrund der Betonungsänderung den Menschen näher bestimmt, dessen implizit gegebener Artikel eine Betonungsspitze bekommt: den (!) Menschen>. Damit ist eindeutig die äußere untere Sphäre im Geistigen der bestimmte Bereich, und die innere obere Sphäre übernimmt den unbestimmten Bereich. Beim "<atque" bezieht sich das que nicht mehr auf foris wie in der 1.LA, sondern auf das at (oder in der Abkürzung von ac das c auf das a). Das at wird wie in der 1.LA gemäß dem lateinischen Wörterbuch Pons mit andererseits wiedergegeben. In dieser Übersetzung sind alle Möglichkeiten enthalten, die bei atque im Wörterbuch angegeben sind, je nachdem welche Silbe betont wird. In unserem Fall bekommt das andererseits aufgrund des Zusammenhangs mit intus und foris eine besondere Bedeutung und kann auch mit auf anderer Seite interpretiert werden. Der ganze erste Satzteil kann daher wie folgt übersetzt werden:
Innen erwäge ich auch auf der anderen Seite außen den Menschen.
In dieser Übersetzung werden trotz einiger Umstellungen dieselben Worte betont (innen, auf der anderen Seite, den Menschen), die auch im Lateinischen durch die Betonungsstruktur hervorgehoben werden (intus, at, hominem), wenn der gesprochene Satz denselben Sinngehalt und dieselben Bezüge aufweisen soll. Da sich das auch auf andererseits bezieht, impliziert dies, dass der Markionit auch oben einen konträren Menschen überlegt und damit im Geistigen übernommen hat. Die Vorgehensweise des Markioniten geht also von innen nach außen oder von oben nach unten, was ein eindeutiger Hinweis auf das Böse/NT des konträren Menschen ist, da der inhaltliche Ursprung des Bösen/NT wie in der Rubrik Einführung dargelegt im Gegensatz zum Bösen/NT und auch zum Guten/NT oben ist.
Durch die Betonungsverschiebung wird in der 2.LA beim zweiten Satzteil nicht mehr das mihi durch das vel betont, sondern umgekehrt ist jetzt das vel selbst betont und bezieht sich nicht mehr auf das mihi, sondern auf das Verb: sicherlich wird es mir gefallen. Damit gewinnt das Verb placebit seinen ursprünglichen zukünftigen Charakter, während es in der 1.LA präsentisch zu verstehen ist. Ebenfalls durch Änderung der Betonungsstruktur ist aufgrund der längeren Pause zwischen hoc opus und dei nostri (<hoc opus | dei nostri>) der Genitiv des mkn Gottes nicht mehr possessiv zu verstehen, sondern zeigt seine Zugehörigkeit zu dem Opus an, welches das Bauwerk aus Gut/AT und Böse/NT repräsentiert (Gut/AT-Böse/NT), das durch hoc sich lokal absondert. Dieses abgegrenzte Bauwerk eines Einzelnen, in unserem Fall des Markioniten, scheint im Widerspruch zu stehen zu dem mkn Gott als dei nostri, der plural auftritt und zum Bauwerk dazugehört. Die Unstimmigkeit zwischen abgegrenzten hoc opus und pluralem dei nostri löst sich auf, wenn das Bauwerk sich noch im Aufbau befindet und noch nicht fertiggestellt ist. Denn erst in Zukunft wird dieses Bauwerk ausschließlich mir, also dem Markioniten, gefallen, so dass das nostri dem Gefallen des mihi im Wege steht und es verhindert. In dieser Hinsicht ist es interessant, dass das Verb placebit von placere auch verwandt ist mit dem Verb placare, das soviel bedeutet wie beruhigen oder in passiver Form sich versöhnen, so dass man davon ausgehen kann, dass in Zukunft der Gegensatz zwischen Gut/AT und Böse/NT in diesem Bauwerk abflauen und sich auflösen wird.
Der Grund für diese Auflösung und damit auch der vollständigen Abgrenzung ist im letzten Teilsatz gegeben, der mit der Konjunktion quod (weil) eingeleitet wird. Denn das Lieben des im geistigen Vorderen, das den guten Menschen des AT von außen repräsentiert und im Geistigen beim Markioniten Eingang gefunden hat, in dem sich ebenfalls der Gott offenbart hat (Esos-LA), ist durch die Perfekt-Form von ad-amavit zu einem Ende gekommen. In der Betonungsstruktur von "ad-amavit>" ist das ad auf das Subjekt (Sbj) dieses Verbs bezogen, während es in umgekehrter Betonungsrichtung der 1.LA das Objekt (Obj) des Liebens markiert. Subjekt dieses Verbs ist der ATliche Schöpfer als mein eigener Herr (<meus deus), der mit jenem entfernten besseren Gott (<ille deus melior) in Verbindung gebracht wird, der im nächsten Satzteil vom dritten Himmel in die Zelle des Schöpfers herabsteigen wird. Damit kann im Geistigen der dritte Himmel übe die beiden Sphären innen und außen verortet werden, zu dem kein Mensch Zugang findet, es sei denn in einer geistigen Ekstase wie bei Paulus (2Kor 12,1ff).
In diesem ganzen Beziehungsgeflecht übernimmt der Schöpfer als mein eigener und unabhängiger Herr die Position eines dominus schon im Voraus, die der mkn Gott besser einnehmen wird, wenn die göttliche Liebe zu dem äußeren guten Menschen zum Erliegen gekommen ist und auch der menschliche Wettstreit zwischen Gut/AT und Böse/NT aufgehört hat. Damit findet trotz des mkn Dualismus ein fließender Übergang von dem Schöpfer zu dem Gott statt, der sich ausschließlich in der Vertikalen ergibt, während das Aufhören der horizontalen Liebe darauf hinweist, dass der Gott im guten äußeren Menschen nicht mehr existiert. Denn die Bedingung für die Offenbarung des Gottes in diesem Menschen war seine eigene Aufnahme beim Markioniten (s. Doppelpunkt der Esos-LA), die durch das mihi bzw. meus nicht mehr gegeben ist. Wie sich diese Aufnahme genau gestaltet, wird in der 3.LA näher erläutert.
Adversus haereses omnes I,14,2b-III:
<intus ac | foris considero> <hominem: | placebit> <mihi | vel> <hoc opus | dei nostri>,
quod> <meus dominus |, <ille deus melior, | adamavit>,
<innen/(innere leibliche obere Sphäre: bez den Menschen) andererseits/(auf anderer Seite) auch/(bez andererseits) | außen/(äußere leibliche untere Sphäre: bez Sbj) ich/(Markionit: Böse/NT unten) (!) überlege/(erwäge)> <den Menschen/(konträrer Mensch: Böse/NT oben): | er/(ein konträrer Mensch unten) (!) wird/(futurisch) gefallen> <mir/(Markionit: Gut/AT-Böse/NT) | oder> <dieses/(lokal abgegrenzt) Werk/(Bauwerk aus Gut/AT und Böse/NT) | des Gottes/(mkn Gott oben: zugehörig zum Verb) unseres eigenen/(unten: bez guter und böser Mensch)>,
weil> <mein eigener Herr/(unterer Schöpfer als Herr) |, <jener/(lokal entfernt: im dritten Himmel) Gott/(mkn Gott) besserer/(besser als der Schöpfer bzw. Herr), | zu/(hinzu: als Sbj zu jenem Gott hinzu! Obj=der äußere gute Mensch!) geliebt hat>,
In der besonderen und eigenen Betonungsstruktur der 3.LA, die sich von der zweiten und ersten LA unterscheiden kann, überlegt und erwägt nun der Markionit den konträren Menschen innen, während er selbst als ich, das eine Betonungsspitze erhält, sich außen befindet. Damit kann eindeutig der Mensch mit bestimmten Artikel der oberen Sphäre zugewiesen werden, wenn er mit dem bösen Menschen der 2.LA korreliert, und das Subjekt von considero der unteren Sphäre. Eine freie Übersetzung wie in der 2.LA würde wie folgt lauten:
Außen erwäge ich auch auf der anderen Seite innen den Menschen.
Das bedeutet, dass der Markionit von unten aus den oberen Menschen zu sich herunterholt und bei sich aufnimmt. Der Vorgang wird verständlicher, wenn man ihn mit der geistigen Vorgehensweise des Markioniten in Beziehung setzt. Im Geistigen hat der Markionit von oben aus als ein konträrer Mensch den unteren konträren Menschen überlegt und damit unten sein böses Verhalten vertreten. Im Leiblichen korrespondiert die anfängliche geistige Position des Markioniten mit der unteren Sphäre, so dass im Geistigen wie auch im Leiblichen der unbestimmte Ausdruck ein böser Mensch übereinstimmt, der geistig oben und leiblich unten sich befindet. Von dieser Position aus wird der böse Mensch überlegt und eingenommen, der geistig unten und leiblich oben, also hier auf der anderen Seite innen, verortet werden kann, so dass in der 2.Stufe ebenfalls der Ausdruck der böse Mensch mit bestimmten Artikel geistig und leiblich übereinstimmt. Nur in der 3.Stufe, die hier im ersten Satzteil erfolgt, geschieht im Leiblichen wieder ein Übergang von dem bösen Menschen zu einem bösen Menschen, der unten die dritte und höchste Stufe repräsentiert. Das bedeutet im Geistigen, dass der böse Mensch unten in der unteren Sphäre noch weiter gesteigert wurde, um auch dort die höchste und stärkste 3.Stufe einzunehmen, die das Böse/NT erreichen kann.
(Dieses Böse/NT der 3.Stufe im Geistigen ist dafür verantwortlich, dass man andere und sich selbst in der Außenwelt (!) als Schein wahrnimmt und das Gute/AT der anderen auch dann noch erkennt, wenn es sanftmütig, heilig, erhaben und lieblich entgegengebracht wird (s. Exos-LA). Diese besondere Erkenntnis besitzen nur die Markioniten und ist ihr Proprium.)
Um den weiteren Satzverlauf zu verstehen, ist es ratsam, auch den Werdegang und Positionswechsel des ATlich guten Menschen sowohl leiblich als auch geistig zu betrachten und ebenfalls in Beziehung zu setzen. Der ATlich gute Mensch von außen, der ganz am Anfang außen und innen betrachtet und erkannt wurde (Exos-LA), wird äußerlich als auch in der eigenen Innenwelt sowohl geistig als auch leiblich überlegt und erwogen (Esos-LA). Der Eingang jenes ATlich guten Menschen von außen findet im Geistigen und Leiblichen unten statt, wo der dem Markioniten von vorne, also im vorderen Bereich, präsentiert. Das ist die 1.Stufe der Kontaktaufnahme, bei der eine Übernahme noch nicht erfolgt ist. In der 2.Stufe gelangt dieser gute Mensch in den eigenen Bereich, der im Geistigen ebenfalls unten ist, aber im Leiblichen oben. Und wie beim Bösen/NT wird auch hier der gute Mensch im Geistigen an Ort und Stelle noch weiter bis zur 3.Stufe gesteigert, so dass er im Leiblichen ebenfalls von oben nach unten gelangt. Folgende Grafik soll die einzelnen Stufen mit ihren jeweiligen Positionen für den guten Menschen (graue Pfeile) und für den bösen Menschen (schwarze Pfeile) verdeutlichen:

Die vollständige Übernahme des guten Menschen von außen auch innerlich im Geistigen und inniglich im Leiblichen ist in der höchsten 3.Stufe so zu verstehen, dass der äußere gute Mensch meinen eigenen Bereich völlig in Besitz nimmt. Die Reaktion des Markioniten auf den äußeren guten Menschen ist folglich nicht der Freundlichkeit von außen mit eigener Freundlichkeit zu begegnen, oder dem guten Menschen ebenfalls einen guten und freundlichen Menschen vorzuspielen. Denn bei einem Schauspieler, mag er auch einen guten Menschen als Schauspielrolle, die nicht zu ihm gehört, vorspielen, bleibt immer noch ein Teil des Schauspielers erhalten. Bei dieser Übernahme erhält der Markionit ein vollständig neues Ich, das er vorher noch nicht gewesen ist und sich bis zur 3.Stufe im Aufbau befindet. Dies gilt nicht für das Böse/NT des konträren Menschen, das der Markionit auch in der 3.Stufe selbst vertritt. Nur so ist es in der 2. und 3.LA möglich von einem nostri zu sprechen, das trotz des pluralen Charakters sich vereinzelt und abgesondert nur beim Markioniten vorliegt (s. hoc).
Durch die Betonung des Subjekts von placebit, das ebenfalls wie in der 2.LA aufgrund der Betonungsstruktur von "placebit> <mihi" futurisch zu verstehen ist, geht hervor, dass dieser konträre und böse Mensch unten die 3.Stufe durch den Vorgang des ersten Satzteiles erreichen und die Position des oberen Menschen abgeschlossen sein wird. In diesem Fall hat jener böse Mensch die obere Sphäre vollständig verlassen, so dass sich das ich des Markioniten nur noch durch die untere Sphäre als 3.Stufe des Bösen/NT konstituieren wird. Dieses ich ist aufgrund der Eigenschaften des Bösen/NT völlig isoliert und kann sich an Ort und Stelle dauerhaft halten, was nicht für das Gute/AT gilt. Damit hat das Böse/NT formal gesehen die gleichen Fähigkeiten, die auch dem Gott eigen sind. Jedoch widerspricht sein Inhalt dem Göttlichen, der umgekehrt mit dem Guten/AT übereinstimmt. Das vel ist ein sich ausschließendes entweder-oder zwischen diesem konträren Menschen der 3.Stufe und dem ebenfalls abgeschotteten Bauwerk des Gottes unseres eigenen, so dass eine rein gute Handlung und leibliche Tat auf ATliche Weise, mag sie auch ganz zart vonstattengehen, vom Markioniten ausgeschlossen und nicht gewollt wird.
Da im letzten Satzteil die Betonungsstruktur und auch die Semantik mit der 2.LA übereinstimmt, ist die Argumentationsweise der Begründung in diesem weil-Satz dieselbe: Bei meinem eigenen Herrn, der den Schöpfer repräsentiert und durch den konträren Menschen der 1.Stufe von oben nach unten gestellt wurde, weil er sowohl innerlich als auch inniglich sich dem Schöpfer entgegenstellte, ist die Liebe zum vorderen guten Menschen erst dann zum Erliegen gekommen, wenn sowohl das Gute/AT als auch das Böse/NT die 3.Stufe erreicht hat. Erst dann findet ein Übergang von dem mkn Gott, der sich im dritten Himmel in der oberen Sphäre neben der mittleren und unteren befindet, zum unteren Herrn und vom nostri zum meus statt. Der Schöpfer als meus dominus hat wie in der 2.LA die Position vorweggenommen, die der mkn Gott besser und unabhängiger einnehmen wird, weil dieses Verhalten und auch die völlig abgekappselte Position zu seinen charakteristischen Merkmalen gehören und damit auch auf Dauer halten kann, während der Schöpfer in diese Lage durch die Vorgehensweise des Markioniten gezwungen wurde. Der Schöpfer wird folglich mittels Verneinung und Verweigerung durch das Böse/NT der 1.Stufe zuerst geistig und leiblich abgeschwächt, dann jedoch hochgefahren und verstärkt, bis er schließlich an unterer Stelle sich soweit abgeschwächt hat und vom mkn Gott übernommen wird.
Im zweiten Satzteil von Adversus haereses omnes I,14,2b wird auf diese Zwischenphase der schöpferischen Verstärkung näher eingegangen, weil auch dort die beiden Verben (laboravit und crucifixus est) im Perfekt vorliegen. Die 1.LA, aufgeteilt in Exos- und Esos-LA und oben getrennt voneinander übersetzt, wird hier zusammen wiedergegeben, weil die Beschreibung des Vorganges in der Außenwelt bei beiden LAs identisch ist und sich im jeweiligen Menschen - äußerlich Markion und guter Mensch außen - nur lokal unterscheidet.
Adversus haereses omnes I,14,2b-I: (Exos- und Esos-LA)
<propter quem | in haec paupertina elementa> <de tertio caelo descendere | laboravit>,
<cuius causa | in hac cellula creatoris> <etiam crucifixus est?
<wegen/(kausal) dem/(Rel-Pron: der gute Mensch für Exos außen und für Esos äußerlich) | in diese/(für Exos innerlich-inniglich und für Esos außen) ärmlichen(übertr: armseligen) Elemente/(Grundstoffe: alle sichtbare Materie des Kosmos)> <vom dritten Himmel abzusteigen/(lokal: herabzukommen) | er/(der mkn Gott) hat sich angestrengt/(übertr: war damit beschäftigt)>,
<(aufgrund/durch/mit) dessen/(Rel-Pron bez guter Mensch und zugehörig zu causa) Causa/(Ursache: um dessen willen) | in dieser Zelle des Schöpfers/(für Exos der abgeschlossene eigene Bereich des materiell geistig-leiblichen und für Esos des äußeren Kosmos)> <auch/(bez Verb: neben dem laboravit) gekreuzigt (worden) ist er/(der mkn Gott)?
Der Vorgang, der hier beschrieben wird und rein lokal zu verstehen ist, ist leicht nachvollziehbar: Der mkn Gott ist vom dritten Himmel in diese armseligen Elemente, die ausschließlich dem Schöpfer zugewiesen werden, herabgestiegen, so dass der sichtbare Himmel (1.Himmel) und der für Juden unsichtbare Himmel (2.Himmel) dem Schöpfers gehören und der 3.Himmel den Aufenthaltsort des mkn Gottes jenseits des Schöpfers lokalisiert. Der 2.Himmel kann vom 3.Himmel unterschieden werden, weil die Markioniten neben dem 1.Himmel auch den 2.Himmel im Gegensatz zu den Juden aufgrund ihrer einzigartigen Gnosis erkennen und sehen, die nur sie besitzen. D.h. das Gute/AT des äußeren freundlichen Menschen wird auch dann noch erkannt, weil die inneren Verhältnisse mit einbezogen werden, wenn es sichtbar als sanftmütiges, heiliges, erhabenes und liebliches Auftreten mit wenig Materie in Erscheinung tritt, wo es für Außenstehende nicht greifbar, also insgesamt himmlisch ist. In dieser Hinsicht wäre der Terminus hominem in der Exos-LA des letzten Satzes nicht richtig oder würde mehr eine Ausnahme als die Regel darstellen. Denn das Gute/AT tritt gewöhnlich wie im Baumgleichnis sehr herzhaft und emotional auf: mit einer Überfülle eines Herzens (Lk 6,45-I). Auf dieser Erkenntnisebene, also im 2.Himmel, wird das reine und normale Gesetz von den Markioniten erkannt, was in der Rubrik Bios Markions näher ausgeführt wird und für die Antithesen sehr wichtig ist. Denn die Antithesen als Schrift stellen nicht wie allgemein angenommen den schroffen Gegensatz zwischen Evangelium (NT) und Gesetz (AT) heraus, sondern widerspiegeln wie auch hier das äußere Verhalten gegenüber Markioniten, das im sichtbaren Bereich, also dem 1.Himmel, mehr einer Ausnahme des AT entspricht. Nur auf der Erkenntnisebene, wenn man zum äußeren sanften Verhalten auch die inneren Verhältnisse erkennt und durchschaut (Exos-LA: <intus | ac foris>), ist der schroffe Gegensatz von AT und NT gegeben. Diese Gnosis als Erkennen des rein gesetzlichen und gewöhnlichen Verhaltens des äußeren guten Menschen ist das Werk und Ergebnis ihres eigenen Gottes, der wegen jenem Menschen zu ihnen in diese armseligen Elemente herabgestiegen ist.
Für die Markioniten als Exoteriker bezeichnet die Präposition in mit Akk. allg den inneren Bereich, der nicht zwischen geistig und leiblich differenziert und aufgrund der Gnosis ihren Schwerpunkt im Geistigen hat. Hier beginnt schon die Erkenntnis, wenn das Leibliche und Geistige auch nur leicht sich materiell kundgibt. Für den Markioniten als Esoteriker und Handelnder des considero werden die lokalen Verhältnisse einfach vertauscht: Jetzt ist der eigene und selbst erwählte gute Mensch dafür verantwortlich, dass beim äußeren Menschen der mkn Gott in diese armseligen Elemente herabsteigt, die der Schöpfer des Kosmos jetzt als äußeres Erscheinungsbild ins Werk gesetzt hat und in den Machtbereich des mkn Gottes gelangen. Nur der Esoteriker erkennt diesen Vorgang und die Offenbarung des mkn Gottes auch im äußeren Menschen.
Die Frage des letzten Satzteiles wird mit “<cuius causa” eingeleitet, das in der Esos-LA genau die gleiche Bedeutung mit gleichem Bezug aufweist wie das propter quem, das damit wiederholt wird. Für die Exos-LA bezieht sich cuius auf den ganzen letzten Satz, wodurch zu diesem Vorgang des Herabsteigens auch (etiam) die Kreuzigung hinzugekommen ist. Der Ausdruck “in hac cellula creatoris>” kann folglich mit “in haec paupertina elementa>” für die Exos-LA (innerlich-inniglich) und für die Esos-LA (außen) gleichgesetzt werden, so dass die Aussage, der mkn Gott sei in diese Zelle des Schöpfers herabgestiegen, ebenfalls richtig ist. Für die Exoteriker kann die Frage leicht beantwortet werden: Nein! Denn ein Gott, der keine Elemente, also keine Materie oder Fleisch besitzt, kann nicht gekreuzigt und an einem Pfahl festgenagelt bzw. aufgehängt werden. Jedoch bezieht sich diese Aussage auf den inneren geistigen und leiblichen Bereich, der mit dem äußerlichen Erscheinungsbild in Verbindung gebracht wird, das ebenfalls als Schein wahrgenommen wird. Die gesamte Konstitution der Markioniten (körperlich, geistig-leiblich) befindet sich in dieser Zelle des Schöpfers – eine Art Gefängniszelle aufgrund nicht Einhaltung schöpferischer Gebote –, so dass alles ihm gehört und die Markioniten nur von ganz außerhalb gerettet werden können.
Für die Esoteriker ist die Frage keine gewöhnliche Frage, die eine Antwort verlangt, sondern stellt die Situation dar, die nicht eindeutig bewertet werden kann. Der mkn Gott, der sich im Erscheinungsbild des äußeren guten Menschen offenbart, kann durch das Verhalten dieses Menschen fixiert und doch nicht fixiert werden. Denn der anfangs gute Mensch von außen – sanftmütig im äußeren Erscheinen und rein gesetzlich in seiner Absicht – weiß nicht, wie er auf den Markioniten reagieren soll, der ihm gut-böse begegnet (der Doppelpunkt in der Esos-LA als Folge des considero). Es ist die Phase, die zwischen der Verneinung und dem Abflauen des Schöpfers liegt, in der das Gute/AT und das Böse/NT beim Markioniten bis zur äußersten 3.Stufe gesteigert wird.
Adversus haereses omnes I,14,2b-II:
propter quem> <in haec paupertina elementa | de tertio caelo descendere> <laboravit,
cuius causa> <in hac cellula creatoris | etiam crucifixus est>?
wegen/(lokal: nahe bei) dem/(Indef-Pron: ein konträrer Mensch oben)> <in/(bez Verb) diese/(lokal abgegrenzt) ärmlichen/(bedürftigen) Elemente/(Buchstaben als gesprochene Worte des guten und bösen Menschen in diesem Bauwerk) | (um) vom/(Herkunft) dritten Himmel abzusteigen/(sich herabzulassen: darauf einzulassen)> <sich angestrengt/(sich abgemüht) hat er/(der Schöpfer als meus deus),
(aufgrund/durch/mit) dessen/(obj: ein konträrer böser Mensch oben) Kausa/(Ursache/Schuld, aber auch Rechtsstreit/Prozess in mündl Form unten)> <in/(bez causa) dieser/(lokal abgegrenzt) Zelle des Schöpfers/(atr: mit schöpferischen Eigenschaften) | sogar gekreuzigt/(präd) (!) er/(ein konträrer Mensch oben) findet statt/(von oben nach unten)>?
In der umgekehrten Betonungsstruktur der 2.LA ist das quem ein Indefinit-Pronomen (Indef-Pron) und bezeichnet eindeutig den oberen konträren Menschen, in dessen Nähe unten der Schöpfer sich abgemüht hat in diesen bedürftigen Worten des guten und bösen Menschen der 3.Stufe. In ihrem Widerstreit und ihrer abgekapselter Position sind sie bedürftig und erfahren keine Unterstützung von anderer Seite, mag auch der Schöpfer in diese Elemente hinein – die Präposition in mit Akk. – sich abgemüht haben und unter ihnen geplagt worden sein und gelitten haben. Denn der Schöpfer kann sich nicht mehr wie gewohnt nach oben ausdehen und damit an Kraft zunehmen, weil die obere Sphäre bereits durch einen bösen Menschen besetzt ist, der konträr zu ihm Stellung bezieht und auch mündlich gegen ihn vorgeht. Das laborare hat ein Ende, wenn vom dritten Himmel der mkn Gott sich zu dem plagenden Schöpfer herablässt, so dass durch ein Verfließen der Worte ein Übergang vom Schöpfer zu jenem Gott stattfindet. D.h. auch hier wird eine Verbindung zwischen dem meus dominus und dem ille deus melior geschaffen, die in dem Verhältnis von dem Verb laboravit zu dem Infinitiv descendere repräsentiert wird. Damit ist in dem Schöpfer, wenn er sich an Ort und Stelle abplagt, bereits implizit der mkn Gott als meus deus enthalten, bevor jener sich abschwächt und von diesem übernommen wird.
In der Frage des letzten Satzteiles wird das vertikale Vorgehen des oberen bösen Menschen gegen unten in die schöpferische Zelle nach unten verlegt. Der Streit darum, wer recht hat – ein böser Mensch oder der Schöpfer als Anwalt des guten Menschen – wird nun in dieser Zelle ausgefochten, in der sich das Bauwerk Gut/AT-Böse/NT noch im Aufbau befindet. Es ist der Verhandlungsort, wo mündlich der Rechtsstreit über das Böse/NT von oben stattfindet (cuius als Genitvus objektivus von causa) und in einem Streitgespräch über die Kausa “Böses/NT” verhandelt wird. Und die Frage repräsentiert wie in der Esos-LA den nicht eindeutig erschließbaren Vorgang des Stattfindens eines bösen Menschen von oben nach unten. Denn crucifixus ist hier aufgrund der Betonungsstruktur ein eigenes Partizip und prädikativ (präd) zum Verb zu verstehen. Es geht also in der Frage darum, ob das Stattfinden von oben nach unten auf gekreuzigte Weise geschehen ist oder nicht. Das bedeutet, dass in diesem Fall aufgrund des Zusammenwirkens aller Akteure nicht geklärt werden kann, ob ein konträrer Mensch durch sein unteres Eingreifen die obere Sphäre vollständig verlassen hat, also von oben nach unten gekreuzigt und eingeschlagen worden ist, oder nicht. Da der nach unten Eingeschlagene sich mit dem verbindet, in dem er eingeschlagen worden ist, bleibt es aufgrund der Frage ebenfalls offen, ob der böse Mensch unten aufgrund seiner konträren Position sich richtig mit dem guten Menschen verbunden hat, was mit dem Bindestrich symbolisiert wird (Gut/AT-Böse/NT): das singuläre Bauwerk gegenüber den pluralen Elementen. Das Hauptgeschehen findet in dieser schöpferischen Zelle unten statt, das zu allen Seiten abgekapselt ist, so dass eine vertikale Orientierung vonseiten des Markioniten ausgeschlossen ist, es also nicht relevant ist, ob ein böser Mensch oben noch vorhanden ist oder nicht. Als eine Art Gebärmutter ist sie der abgeschlossene Raum, in der etwas Neues auf schöpferische Weise – der Genitiv creatoris ist in attributiver Stellung (atr) zu cellula! – entstehen kann. Im schöpferischen Wirken des Schöpfers ist aufgrund seiner isolierten Form der mkn Gott bereits angelegt.
Adversus haereses omnes I,14,2b-III:
propter quem in haec> <paupertina elementa | de tertio caelo> <descendere laboravit,
<cuius causa | in hac cellula> <creatoris etiam | crucifixus est>?
wegen/(kausal) dem/(Indef-Pron: der konträre Mensch oben) in/(bez quem) diese/(unten lokal abgegrenzt) (!)> <ärmlichen/(bedürftigen) Elemente/(Buchstaben als gesprochene Worte des guten und bösen Menschen) | vom/(lokal) dritten Himmel> <(!) ab/(herab//weg) zu steigen/(Obj zu Verb: von oben nach unten herab//weg) sich angestrengt/(sich abgemüht) hat er/(der mkn Gott oben),
<(aufgrund/durch/mit) dessen/(Rel-Pron bez kontärer Mensch und zugehörig zu causa: oben) Kausa/(Ursache: unten) | in dieser/(hinweisend: diese Elemente) Zelle> <des Schöpfers/(Gen. possessivus) noch/(immer noch) | gekreuzigt/(als Gekreuzigter) er/(der mkn Gott) ist/(ist vorhanden)>?
In der leiblichen Innenwelt der 3.LA gelangt der obere konträre Mensch der 2.Stufe nach unten zur 3.Stufe, indem er in diese unteren Elemente eintaucht. Das bedeutet, dass diese Elemente sich zusammensetzen aus dem konträren Menschen der 1.Stufe und dem guten Menschen der 3.Stufe, und das Gute/AT die höchste Stufe früher erreicht und einnimmt als das Böse/NT. Was verständlich ist, denn das Böse/NT kann nur dann richtig gegen das Gute/AT vorgehen, wenn es bereits sich voll entwickelt hat. Beide Entitäten, das Böse/NT der 1.Stufe und das Gute/AT der 3.Stufe, nehmen unten im eigenen Bereich eine lokal abgesonderte Position ein, die hier durch die Betonung von haec hervorgehoben wird. Der Plural elementa weist zusätzlich darauf hin, dass beide Entitäten noch keine Einheit bilden (Gut/AT+Böse/NT), die sich erst entwickelt, wenn das Böse/NT unten die 3.Stufe erreicht hat und als Ergebnis dieses Prozesses wie im Geistigen das singuläre Bauwerk entsteht (Gut/AT-Böse/NT).
Die Elemente als Buchstaben sind das leibliche Pendant zu den innerlich gesprochenen Worten des guten und bösen Menschen im Geistigen und repräsentieren damit ein sehr schwaches Fleisch im Leiblichen, die keine Bewegung als sichtbare Tat vollbringen können. Denn im Widerstreit zwischen Gut/AT und Böse/NT im Geistigen kann sich keiner von den beiden Parteien durchsetzen, was in der Außenwelt zur Kreuzigung führt. In dieser Hinsicht könnte man die leiblichen Elemente auch mit den bedürftigen Grundstoffen gleichsetzen, also dem leiblichen Fleisch. Erst wenn das geistige Streitgespräch zu Ende ist und sich gelegt hat, also der Schöpfer sich in diesen Elementen abgeplagt hat (s. Perfekt laboravit), kommt der mkn Gott in dieser Zelle sowohl geistig als auch leichlich erst richtig zur Geltung, der während des Streitgespräches als neutraler “Schiedsrichter” fungiert und schon implizit vorhanden war.
Generell vermindert das Böse/NT der 1.Stufe die Kraft des Schöpfers, indem es sich im Geistigen oben gegen den unteren Schöpfer stellt und im Leiblichen von unten aus den oberen Schöpfer nach unten abschwächt. Das Böse/NT der 3.Stufe steigert jedoch das schöpferische Wirken, indem es im Geistigen unten die direkte Konfrontation sucht und sich dort gegenüber dem Schöpfer behauptet, was dazu führt, dass im Leiblichen das Böse/NT die obere Sphäre des Schöpfers verlässt und die untere Positon einnimmt. Damit bleibt in der 3.Stufe der aufbrausende Schöpfer oben, zu dem sich das untere Böse/NT distanziert. Im gesamten leiblichen Prozess bleibt die Macht des Schöpfers gegenüber dem Bösen/NT (und auch gegenüber dem Guten/AT) erhalten, das sich immer nur konträr zum Schöpfer positionieren kann, selbst aber nicht aktiv dagegen vorgehen kann und auf äußere Hilfe angewiesen ist. Das ist in dem Ausdruck “in dieser Zelle> <des Schöpfers immer noch” gemeint, in dem aufgrund der Betonungsstruktur das hac hinweisend ist und sich auf haec paupertina elementa bezieht, in denen das Böse/NT von oben bereits unten eingegangen ist.
Der Genitiv von creatoris ist hier ein Genitivus possessivus, der diese Zelle in Besitz nimmt und damit seine Macht darüber zum Ausdruck bringt, während das immer noch die Dauerhaftigkeit dieses Machtverhältnisses von der ersten bis zur dritten Stufe des Bösen/NT kennzeichnet. Der Schöpfer hat somit in dieser Auseinandersetzung seine obere Sphäre nie vollständig verlassen, in der er seine Macht ausüben und seinen Einfluss gelten machen kann. Dieser Bereich wird hier mit dem dritten Himmel neben dem ersten Himmel der unteren unbestimmten Sphäre (ein) und dem zweiten Himmel der mittleren bestimmten Sphäre (der) identifziert und zum Schöpfer gerechnet. In jener inneren leiblichen Innenwelt (DER) wird der Schöpfer des dritten Himmels durch die starke vertikale Distanzierung des unteren Bösen/NT der 3.Stufe für sich und andere nicht mehr greifbar, bleibt aber für den handelnden Markioniten sichtbar aufgrund seines starken göttlichen Fleisches (und auch seiner Knochen), während er für Außenstehende wegen seiner inneren Sphäre (s. intus) unsichtbar bleibt. Dieses gilt auch für den guten Menschen außen, der dann nicht mehr wie gewohnt im Leiblichen auf den Schöpfer zugreifen kann, weshalb er gegenüber dem Markioniten als Reaktion auf sein Verhalten keine eindeutige Stellung (Gut/AT oder Böse/AT) bezieht.
Von jenem dritten Himmel des Schöpfers hat der mkn Gott wegen dem Bösen/NT der 3.Stufe sich abgemüht herab zu steigen und damit ebenso wie das Böse/NT vom Machtbereich des Schöpfers wegzukommen (de-scendere). Aufgrund des Perfekts von laboravit und nicht von descendere bleibt die Frage offen, ob er diesen eingeleiteten Prozess vollständig erreicht hat. Diese Ungeklärtheit wird durch die lokalen Verhältnisse von dieser Zelle unten und dem dritten Himmel oben noch verstärkt und mündet in die Frage des letzten Satzteiles als Ausdruck dieser Ungewissheit. Weil der Markionit sich nur noch unten positioniert und zu oben eine große Distanz zum Schöpfer aufgebaut hat, bleibt die Frage, ob der mkn Gott in dieser Zelle gekreuzigt ist, also aufgrund der Betonunsstruktur als Gekreuzigter vorhanden ist. Es bleibt wie in der 2.LA ungeklärt, ob der obere Bereich vollständig verlassen wurde und damit unten der böse Mensch (2.LA) oder der mkn Gott (3.LA) gekreuzigt bzw. eingerammt wurde und sich mit dem Unteren in einem Punkt kreuzt. Nur das Böse/NT der 3.Stufe hat die Möglichkeit und auch die Fähigkeit im alten Äon sich zum oberen Schöpfer vertikal zu distanzieren und den Gott, der implizit beim Schöpfer enthalten ist, nach unten zu bewegen und vom oberen Schöpfer wegzubringen. Denn formal gesehen ist das Böse/NT mit dem Gott identisch, das wie er unabhängig von allen seine Position dauerhaft halten kann.
Zusammenfassung:
In den wenigen Worten intus ac foris considero hominem wird die ganze Grundanschauung dargelegt und nachgewiesen, wenn die Betonungsstruktur der 1.LA in der 2.LA umgedreht wird und kleine und große Pause vertauscht werden; die 3.LA mit eigener Betonungsstruktur und Rhythmik lässt insgesamt ein kohärentes Gesamtbild entstehen. Dies betrifft sowohl die Aufteilung in Außenwelt und Innenwelt als auch die Einteilung in außen und innen der jeweiligen Sphären im Geistigen und Leiblichen, in denen eine eindeutige Zuweisung hinsichtlich bestimmte und unbestimmte Entitäten erfolgen kann. Die Anerkennung nur einer Lesart und damit nur eines Menschentyps (Gut/AT oder Böse/NT) würde die Thematik der Kreuzigung nicht erklären. Diese Handlung des considero in der 1.Person Singular stellt hinsichtlich aller LAs eine aktiv selbst erwählte Kreuzigung dar, die bis zur äußerten 3.Stufe in allen Bereichen durchgeführt wird. Es ist die extremste Form des NTlichen Zeugnisses, die erreicht werden kann! Es erübrigt sich fast zu erwähnen, wie unermesslich schwer es ist, diese Handlung selbst im Ganzen zu exerzieren.
Die geistige horizontale und die leiblich vertikale Separation werden in diesem Bauwerk (Gut/AT-Böse/NT) erreicht, die dem Markioniten gefallen werden (placebit), wenn die Liebe zum äußeren Menschen, oder besser zu dem in ihm offenbarten mkn Gott, aufgehört hat (adamavit). Dann hat der Gekreuzigte seine völlige Unabhängigkeit auch von außen erreicht, die in allen LAs im meus dominus bereits angelegt war. Mit dieser Bezeichnung, die den Herrn als seinen eigenen ausweist, will sich der Markionit gegenüber seinem Umfeld profilieren. Es deutet daher alles darauf hin, dass der gute Mensch außen, der in der Exos-LA als Einzelner erkannt wird, ein Mitglied der kath Volksversammlung ist. Somit stehen sich der meus dominus des Markioniten und der dominum nostrum der Katholiken gegenüber. Der Herr eines Einzelnen legt ein stärkeres und eindeutigeres Zeugnis ab, während der gemeinsame Herr schwächer vertreten ist und nur durch die Summe der kath Mitglieder eine gewisse Kraft erreicht, die gegenüber dem einzelnen Markioniten konkurrenzfähig ist.